Wenig andere hinterliessen so tiefe Spuren in der Schweizer Kartenkunst wie Rudolf Leuzinger. Zwischen 1868 und 1896 gravierte er die Schweizer Alpen fast im Alleingang auf hunderte Lithografiesteine. Seine Briefe an die Landestopografie zeigen einen Menschen, der seiner Arbeit mit viel Gefühl und Leidenschaft begegnete.
Rudolf Leuzingers Start ins Leben bot wenig Anlass zur Vermutung, dass aus ihm einer der bedeutendsten Steingraveure und Kartografen des 19. Jahrhunderts werden könnte. 1826 in Netstal (Kanton Glarus) geboren und aus einfachen Verhältnissen stammend, verlor er schon früh beide Eltern. Als Vollwaise trat er mit rund neun Jahren in eine Erziehungsanstalt ein, die Linthkolonie. Dort erhielt Leuzinger eine Schulbildung; in der verbleibenden Zeit musste er die Äcker der Kolonie bestellen, Körbe und Strohmatten flechten oder an einem der Webstühle der Anstalt arbeiten.
Die entscheidende Weichenstellung für Rudolf Leuzingers berufliches Leben erfolgte im Jahr 1844. Sein immenses zeichnerisches Talent war seinen Lehrern nicht entgangen. Der Vorsteher der Linthkolonie vermittelte ihm deshalb eine Lehrstelle in der kartografischen Anstalt von Jakob Melchior Ziegler und Johann Ulrich Wurster in Winterthur. Leuzinger lernte dort, wie man mit Diamantnadeln und anderen Werkzeugen ein Kartenbild in mächtige Kalksteine ritzte. Dieses anspruchsvolle Handwerk prägte fortan sein Leben.
Nach seinen Lehrjahren blieb Leuzinger bei Ziegler und Wurster tätig und gravierte bereits mit viel Können Gebirgswelten – beispielsweise für den «Geographischen Atlas über alle Theile der Erde» (1851) sowie für eine Karte Madeiras (1856). 1859 verliess er Winterthur. Nach kurzen Etappen in Paris und in der Glarner Heimat zog Leuzinger 1861 nach Bern, um dort Karten für die Forst- und Baudirektion des Kantons zu gravieren.
Als schicksalshaft erwies sich aber nicht diese Tätigkeit, sondern eine Arbeit, die Leuzinger 1863 aufnahm: Im Auftrag des Schweizer Alpen-Clubs gravierte er regelmässig Tourenkarten des Hochgebirges im Massstab 1:50 000. Leuzingers einzigartige Fähigkeit, die Bergwelt der Alpen auf Lithografiesteine zu bannen und dabei die Formen der Felsen detailgetreu und plastisch wiederzugeben, erhielt den Applaus von Kartografen, Alpinistinnen und Geologen. Knapp zwanzig Jahre nach dem Antritt seiner Lithografenlehre in Winterthur hatte Rudolf Leuzinger in der Gebirgsgravur im Massstab 1:50 000 das gefunden, was er später als sein «Lebenselement» bezeichnete.
Als die Bundesversammlung 1868 die Erstellung des Topographischen Atlasses der Schweiz (Siegfriedkarte) beschloss, war schnell klar, dass Rudolf Leuzinger am Grossprojekt mitwirken sollte. Die Landestopografie gab dem 42-Jährigen Glarner den Auftrag, die geplanten 123 Gebirgsblätter 1:50 000 zu gravieren. In der Folge entwickelte sich eine intensive Zusammenarbeit zwischen Leuzinger und der Bundesbehörde: Für jedes Kartenblatt erhielt der Steingraveur von der Landestopografie eine Stecherpause. Sie war eine auf Transparentpapier gezeichnete Version des Kartenblatts. Weil sich die Siegfriedkarte aus schwarzen, braunen und blauen Elementen zusammensetzte, musste Leuzinger die jeweiligen Karteninhalte auf drei Lithografiesteine – einen für jede Farbe – pausen. Anschliessend gravierte er den Stein entlang der abgepausten Inhalte.
Angesichts dieser Vorgehensweise stellt sich die Frage, was Leuzinger zu einem Meister der Gebirgsgravur machte. Schliesslich folgte er klaren Vorgaben, die er in Form der Stecherpause erhalten hatte. Der Schluss liegt nahe, dass die Steingraveure jener Zeit nur ausführten und nicht selbst gestalteten. Dies war aber keineswegs so. Erstens erforderte die Gravur mit einer Nadel auf Stein andere Darstellungsweisen als das Zeichnen auf Transparentpapier. Beispielsweise waren Waldgebiete auf den Stecherpausen grün eingerahmt, in der Siegfriedkarte gab es aber keine grüne Farbkomponente. Die Vorgaben der Landestopografie sahen vor, dass Leuzinger die Waldflächen mit schwarzen Kreisen und Punkten wiedergab, wobei er selbst entscheiden konnte, wie er diese im Detail anordnete. Zweitens hatte Leuzinger viel Spielraum, um eine Kartendarstellung mit seiner eigenen Gestaltungskunst aufzuwerten. Besonders deutlich zeigte sich dies bei den Felspartien. Leuzinger war ein Virtuose in dieser Königsdisziplin der Kartografie und nutzte die Darstellung in der Stecherpause oft nur als Ausgangspunkt. Im Zuge der Gravur erschuf er eine ausdrucksstärkere, filigranere und plastischere Wiedergabe der Berge.
Den Anfang des Gravurprozesses machte stets der schwarze Stein. Er gab mit Abstand am meisten zu tun: In Schwarz wies die Siegfriedkarte nicht nur alle menschgemachten Objekte wie Gebäude, Bahnlinien, Strassen und Fusswege aus, sondern auch die äusserst aufwändigen Felspartien und die durch schwarze Kreise wiedergegebenen Waldflächen. Um ein Kartenblatt auf die drei Steine zu bannen, waren rund 700 Arbeitsstunden nötig – etwa 70 Prozent dieser Zeit wurden auf den schwarzen Stein verwendet. Hatte Leuzinger ihn für seinen Teil fertig graviert, übergab er den Datenträger seinem «Hülfsarbeiter» Georg Christian von Hoven (1841–1924). Er war für das Eingravieren aller Namen zuständig.
War die Gravur aller drei Steine abgeschlossen, sandte Leuzinger sie mit der Eisenbahn an die Druckerei Kümmerly in Bern. Anschliessend erhielt der Glarner einen Probedruck des Kartenblatts. Dies war der Moment, in dem Leuzinger sein Werk erstmals wirklich sehen konnte; zuvor konnte er die drei Farbebenen nur vor seinem inneren Auge zusammensetzen. Im Juli 1883 schrieb er an die Landestopografie: «Erlauben Sie mir die Bitte um einen von den ersten Probedrucken von der soeben vollendeten Sektion, denn es interessiert mich im höchsten Grad wie sich das ganze Bild macht!»
Fehler, Lücken oder Inkongruenzen offenbarten sich oft erst im Probedruck. Bemerkenswert ist aber, dass es meist weniger ein Detailfehler, sondern das Gesamtbild war, das Leuzinger zur Selbstkritik veranlasste. Seine Verbesserungsvorschläge beschrieb er in allgemeinen, für Aussenstehende ziemlich unkonkreten Begriffen, statt seine Gedanken in Millimeterbreiten oder Koordinaten auszudrücken. So schrieb er 1889 zum Blatt Helsenhorn, dass er sich Mühe gegeben habe, «die Felsparthien recht zart & hübsch zu gravieren, sonach aber sind sie zu zart herausgekommen!» Wo nachgebessert werden musste, entschied Leuzinger oft selbst, indem er seinem über Jahrzehnte angehäuften Erfahrungswissen folgte. Die Einschätzung des Steingraveurs zu seiner Arbeit an Blatt «Davos» im Jahr 1883 illustriert seine bemerkenswert intuitive Herangehensweise:
Die Arbeit selbst habe [ich] mit sehr viel Fleiss gemacht, ging so sehr ins Detail ein, dass ein Theil der Gesammtharmonie wirklich ins Leiden kam; der Stein selbst ist sehr hart & desshalb mühsam, allein trotz Allem gebe [ich] Ihnen die Versicherung, dass ich […] überall nachhelfen will, wo es irgend geboten ist, ich sehe selbst wo es nöthig ist.
Wer Leuzingers Briefe liest, kommt nicht umhin, den Menschen hinter den Werken zu erahnen. Regelmässig schrieb er offen über seine Gefühle und Sorgen, was zu Leuzingers Zeit untypisch war in Korrespondenzen mit der Landestopografie. Er verwendete sehr oft Ausrufezeichen, manchmal auch deren drei hintereinander, und schrieb immer wieder über sich selbst in der dritten Person. Leuzinger hoffte, dass Blätter «hübsch» wurden, arbeitete «freudevoll» an der Gravur, Fehler taten im «sehr Leid & im Herzen recht wehe», und er gab zu, dass er «in der Buchhaltung etwas nachlässig, und im Rechnungswesen kein Held» sei.
Besonders offen sprach der Lithograf aber im Zusammenhang mit einem beruflichen Fiasko über seine Gefühlswelt. 1881 hatte Leuzinger als Nebenprojekt für die Landestopografie eine Gesamtkarte der Schweiz im Massstab 1:500 000 graviert. Als die Probedrucke in Fachkreisen studiert wurden, zeigte sich, dass der tatsächliche Massstab der Karte bei 1:505 000 lag. Die Veröffentlichung der Karte wurde gestoppt und Leuzinger musste eine schwere finanzielle Einbusse hinnehmen. Der Steingraveur fühlte sich in dieser schweren Krise von der Landestopografie allein gelassen. Er habe «schwere Opfer» für den Stich der Gesamtkarte erbracht und werde nun als einziger für einen Fehler kritisiert, der vorab auch den Ingenieuren der Landestopografie hätte auffallen müssen – «mein einfacher schlichter Rechtssinn wiederstreitet diesem ganz!», so Leuzinger in einem Brief an Hermann Siegfrieds Nachfolger Jules Dumur. Im Frühjahr 1882 verlegte Leuzinger sein Atelier nach Mollis im Glarnerland – der Schluss liegt nahe, dass er nach dem Gesamtkarten-Fiasko beschloss, in die vertraute Umgebung seiner Kindheit zurückzukehren.
Ein zentrales Thema in Rudolf Leuzingers Korrespondenz war seine Sorge um ein regelmässiges und ausreichendes Einkommen. Der Vater von sieben Kindern verdiente mit seiner Gravurtätigkeit für die Landestopografie jährlich zwischen 4000 und 5000 Franken, von denen nach Abzug der Materialkosten, der Transportkosten der Steine und des Gehalts seines Angestellten Georg Christian von Hoven aber nur rund 2500 Franken übrig blieben. Zum Vergleich: Die leitenden Topografen und Kartografen der Landestopografie verdienten zu jener Zeit rund 5000 Franken.
Chronische Geldnot war ein wesentlicher Treiber für Leuzingers enorme Produktivität. In den meisten seiner zahllosen Briefe an die Landestopografie bat er um mehr Aufträge, um sich finanziell über Wasser halten zu können. 1890 schrieb Leuzinger, dass er «mit Sehnsucht den Stein zu Matterhorn oder zu Zermatt» erwarte, weil er zurzeit ohne Arbeit sei. Die Steine habe er «sehr von nöthen». In anderen Schreiben bat Leuzinger um einen neuen Auftrag, sodass er «nicht bitter geschädiget werde», oder wies darauf hin, dass «Arbeit & Brot ein dringend Bedürfniss» seien. Rudolf Leuzinger litt unter seiner immensen Abhängigkeit von neuen Aufträgen der Landestopografie. Noch als 64-Jähriger, international längst höchst renommierter Steingraveur und Künstler bat er inständig um mehr Aufträge: «Alt sein, ohne Vermögen, eine Familie zu erhalten, die Kosten für einen gemüthskranken Sohn aufzubringen, und ohne alle weiteren Arbeits-Aufträge zu sein, ist sicherlich nicht leicht; [ich] bitte [die Landestopografie] dieses in Betracht zu ziehen!»
Seit Beginn der Arbeiten an der Siegfriedkarte im Jahr 1868 war es Leuzingers «eifrigstes ernsthaftestes Bestreben», die Gebirgsblätter vollständig zu gravieren. Doch die gesundheitliche Verfassung des Meisters verschlechterte sich in den 1890er Jahren zusehends. Ende 1893 beklagte Rudolf Leuzinger, dass er von «schlimmen Magengeschichten geplagt» sei. Dass ihn seine Kräfte verliessen, zeigte sich auch in der Steingravur: 1894 war er erstmals gezwungen, seinem Mitarbeiter Georg Christian von Hoven Aufgaben zu übergeben, die er bis dahin stets selbst erledigt hatte. Von Hoven durfte zuvor nur die in ihrer Form statischen und immer gleichen Kartenelemente wie Buchstaben und Zahlen gravieren. Für das Blatt «Chiesa» erstellte er 1894 aber erstmals auch ein dynamisches Element, nämlich den gesamten blauen Stein mit dem Gewässernetz.
Im Januar 1896 verstarb Rudolf Leuzinger im Alter von 69 Jahren. Im Laufe seines Lebens hatte er über 300 Karten graviert, darunter 117 Gebirgsblätter der Siegfriedkarte. Sein Ziel, den gesamten schweizerischen Alpenraum im Massstab 1:50 000 auf Stein zu bannen, hatte er fast erreicht. Nach Leuzingers Tod führte Georg Christian von Hoven diese Jahrhundertleistung die letzten Meter über die Ziellinie, indem er die verbleibenden sechs Hochgebirgsblätter gravierte.
Rudolf Leuzingers Nachlass erlaubte ein letztes Mal einen Einblick in seine Persönlichkeit. Obwohl er von jedem der Blätter, die er in seinem Leben graviert hatte, Abdrucke erhalten hatte, fanden sich in seinem Atelier nur sehr wenige Karten – «seiner Gewohnheit gemäß», so erklärte der Chef der Landestopografie Leonz Held in einem Nachruf, «gab er das letzte Exemplar ohne Zaudern her, wenn er damit einem Menschen eine Freude machen konnte.»
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