Rudolf Leuzinger – der Kartograf mit der Diamantnadel

30. Ott.. 2026

Rudolf Leuzinger, undatiertes Porträt (ETH-Bibliothek, Rar 27909).

Wenig andere hinterliessen so tiefe Spuren in der Schweizer Kartenkunst wie Rudolf Leuzinger. Zwischen 1868 und 1896 gravierte er die Schweizer Alpen fast im Alleingang auf hunderte Lithografiesteine. Seine Briefe an die Landestopografie zeigen einen Menschen, der seiner Arbeit mit viel Gefühl und Leidenschaft begegnete.

Felix Frey

Felix Frey

Historischer Fachspezialist

Stein um Stein

Den Anfang des Gravurprozesses machte stets der schwarze Stein. Er gab mit Abstand am meisten zu tun: In Schwarz wies die Siegfriedkarte nicht nur alle menschgemachten Objekte wie Gebäude, Bahnlinien, Strassen und Fusswege aus, sondern auch die äusserst aufwändigen Felspartien und die durch schwarze Kreise wiedergegebenen Waldflächen. Um ein Kartenblatt auf die drei Steine zu bannen, waren rund 700 Arbeitsstunden nötig – etwa 70 Prozent dieser Zeit wurden auf den schwarzen Stein verwendet. Hatte Leuzinger ihn für seinen Teil fertig graviert, übergab er den Datenträger seinem «Hülfsarbeiter» Georg Christian von Hoven (1841–1924). Er war für das Eingravieren aller Namen zuständig.

War die Gravur aller drei Steine abgeschlossen, sandte Leuzinger sie mit der Eisenbahn an die Druckerei Kümmerly in Bern. Anschliessend erhielt der Glarner einen Probedruck des Kartenblatts. Dies war der Moment, in dem Leuzinger sein Werk erstmals wirklich sehen konnte; zuvor konnte er die drei Farbebenen nur vor seinem inneren Auge zusammensetzen. Im Juli 1883 schrieb er an die Landestopografie: «Erlauben Sie mir die Bitte um einen von den ersten Probedrucken von der soeben vollendeten Sektion, denn es interessiert mich im höchsten Grad wie sich das ganze Bild macht!»

Fehler, Lücken oder Inkongruenzen offenbarten sich oft erst im Probedruck. Bemerkenswert ist aber, dass es meist weniger ein Detailfehler, sondern das Gesamtbild war, das Leuzinger zur Selbstkritik veranlasste. Seine Verbesserungsvorschläge beschrieb er in allgemeinen, für Aussenstehende ziemlich unkonkreten Begriffen, statt seine Gedanken in Millimeterbreiten oder Koordinaten auszudrücken. So schrieb er 1889 zum Blatt Helsenhorn, dass er sich Mühe gegeben habe, «die Felsparthien recht zart & hübsch zu gravieren, sonach aber sind sie zu zart herausgekommen!» Wo nachgebessert werden musste, entschied Leuzinger oft selbst, indem er seinem über Jahrzehnte angehäuften Erfahrungswissen folgte. Die Einschätzung des Steingraveurs zu seiner Arbeit an Blatt «Davos» im Jahr 1883 illustriert seine bemerkenswert intuitive Herangehensweise:

Die Arbeit selbst habe [ich] mit sehr viel Fleiss gemacht, ging so sehr ins Detail ein, dass ein Theil der Gesammtharmonie wirklich ins Leiden kam; der Stein selbst ist sehr hart & desshalb mühsam, allein trotz Allem gebe [ich] Ihnen die Versicherung, dass ich […] überall nachhelfen will, wo es irgend geboten ist, ich sehe selbst wo es nöthig ist.

Das liebe Geld

Ein zentrales Thema in Rudolf Leuzingers Korrespondenz war seine Sorge um ein regelmässiges und ausreichendes Einkommen. Der Vater von sieben Kindern verdiente mit seiner Gravurtätigkeit für die Landestopografie jährlich zwischen 4000 und 5000 Franken, von denen nach Abzug der Materialkosten, der Transportkosten der Steine und des Gehalts seines Angestellten Georg Christian von Hoven aber nur rund 2500 Franken übrig blieben. Zum Vergleich: Die leitenden Topografen und Kartografen der Landestopografie verdienten zu jener Zeit rund 5000 Franken.

Chronische Geldnot war ein wesentlicher Treiber für Leuzingers enorme Produktivität. In den meisten seiner zahllosen Briefe an die Landestopografie bat er um mehr Aufträge, um sich finanziell über Wasser halten zu können. 1890 schrieb Leuzinger, dass er «mit Sehnsucht den Stein zu Matterhorn oder zu Zermatt» erwarte, weil er zurzeit ohne Arbeit sei. Die Steine habe er «sehr von nöthen». In anderen Schreiben bat Leuzinger um einen neuen Auftrag, sodass er «nicht bitter geschädiget werde», oder wies darauf hin, dass «Arbeit & Brot ein dringend Bedürfniss» seien. Rudolf Leuzinger litt unter seiner immensen Abhängigkeit von neuen Aufträgen der Landestopografie. Noch als 64-Jähriger, international längst höchst renommierter Steingraveur und Künstler bat er inständig um mehr Aufträge: «Alt sein, ohne Vermögen, eine Familie zu erhalten, die Kosten für einen gemüthskranken Sohn aufzubringen, und ohne alle weiteren Arbeits-Aufträge zu sein, ist sicherlich nicht leicht; [ich] bitte [die Landestopografie] dieses in Betracht zu ziehen!»

Der Graveur des Alpenbogens

Seit Beginn der Arbeiten an der Siegfriedkarte im Jahr 1868 war es Leuzingers «eifrigstes ernsthaftestes Bestreben», die Gebirgsblätter vollständig zu gravieren. Doch die gesundheitliche Verfassung des Meisters verschlechterte sich in den 1890er Jahren zusehends. Ende 1893 beklagte Rudolf Leuzinger, dass er von «schlimmen Magengeschichten geplagt» sei. Dass ihn seine Kräfte verliessen, zeigte sich auch in der Steingravur: 1894 war er erstmals gezwungen, seinem Mitarbeiter Georg Christian von Hoven Aufgaben zu übergeben, die er bis dahin stets selbst erledigt hatte. Von Hoven durfte zuvor nur die in ihrer Form statischen und immer gleichen Kartenelemente wie Buchstaben und Zahlen gravieren. Für das Blatt «Chiesa» erstellte er 1894 aber erstmals auch ein dynamisches Element, nämlich den gesamten blauen Stein mit dem Gewässernetz.

Im Januar 1896 verstarb Rudolf Leuzinger im Alter von 69 Jahren. Im Laufe seines Lebens hatte er über 300 Karten graviert, darunter 117 Gebirgsblätter der Siegfriedkarte. Sein Ziel, den gesamten schweizerischen Alpenraum im Massstab 1:50 000 auf Stein zu bannen, hatte er fast erreicht. Nach Leuzingers Tod führte Georg Christian von Hoven diese Jahrhundertleistung die letzten Meter über die Ziellinie, indem er die verbleibenden sechs Hochgebirgsblätter gravierte.

Rudolf Leuzingers Nachlass erlaubte ein letztes Mal einen Einblick in seine Persönlichkeit. Obwohl er von jedem der Blätter, die er in seinem Leben graviert hatte, Abdrucke erhalten hatte, fanden sich in seinem Atelier nur sehr wenige Karten – «seiner Gewohnheit gemäß», so erklärte der Chef der Landestopografie Leonz Held in einem Nachruf, «gab er das letzte Exemplar ohne Zaudern her, wenn er damit einem Menschen eine Freude machen konnte.»

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