Ausschnitt aus Blatt Blatt 12 «St. Tannaire» der Festungskarte Saint-Maurice, 1894 (swisstopo Kartensammlung LT FK SMAU 12, 1894).
Zwischen 1888 und 1952 fertigte die Landestopografie geheime, grossmassstäbige Karten der schweizerischen Festungsgebiete an. Unter grossen Entbehrungen entstanden, sind sie bis heute faszinierende Zeugnisse einer vergangenen Bergwelt.
Zuerst die Dufourkarte, dann die Siegfriedkarte und schliesslich die wohlbekannte Landeskarte: Dieser Dreischritt scheint die staatlichen topografischen Karten des Schweizer Bundesstaats gut zusammenzufassen. Doch geht dabei ein besonderes Kartenwerk vergessen – zwischen 1888 und 1952 erstellte die Landestopografie auch sogenannte Festungskarten.
Das Festungskartenwerk unterscheidet sich in vielen Gesichtspunkten von seinen eingangs erwähnten Verwandten. Es deckt nicht das gesamte Land ab, sondern erfasst nur ausgewählte Gebiete, der Kartenmassstab ist mit 1:10 000 deutlich grösser als bei der zeitgleich verwendeten Siegfriedkarte, und die Öffentlichkeit hatte während mehr als einem Jahrhundert keinen Zugang zu den Festungskarten. Sie unterlagen der Geheimhaltung und wurden erst 2009 entklassifiziert.
Die Erstausgaben der Gotthardblätter der Festungskarte sind auf Wikimedia Commons in hoher Auflösung frei verfügbar. Klicken Sie hier
Wie ihr Name und die strenge Geheimhaltung bereits vermuten lassen, waren die Festungskarten ein Element der schweizerischen Landesverteidigung. Sie standen in engstem Zusammenhang mit einer Reihe neuartiger Festungsanlagen, die ab 1887 im Gotthardgebiet und ab 1892 im Raum Saint-Maurice im Unterwallis errichtet wurden. Zwar gab es in der Schweiz zu diesem Zeitpunkt bereits zahlreiche Befestigungen zum Schutz der Landesgrenze und wichtiger Alpenpässe, doch waren diese veraltet und konnten neuen, potenteren Sprengstoffen nicht mehr standhalten.
Die Festungen am Gotthard und bei Saint-Maurice wurden mit stationären Artilleriegeschützen ausgestattet. Ihre grosse Reichweite rückte das sogenannte indirekte Schiessen ins Zentrum: Kanoniere hatten oft keine direkte Sichtverbindung mehr zu ihrem mehrere Kilometer entfernten Ziel, beispielsweise, weil sich zwischen Geschütz und Ziel ein Bergkamm befand. Um ein Geschoss dennoch mit maximaler Präzision abzufeuern, waren aufwändige Berechnungen erforderlich. Sie verbanden die Flugbahn des Geschosses mit detaillierten Daten zur Geländebeschaffenheit. Diese unverzichtbaren Terraininformationen lieferten im Fall der Schweizer Festungsartillerie die Festungskarten. Mit ihrem für jene Zeit enorm grossen Massstab von 1:10 000 waren sie ein kartografisches Spitzenprodukt – die damals frei erhältliche Siegfriedkarte deckte die Berggebiete nur in 1:50 000 ab.
Für die Bedürfnisse der Festungsartillerie reichten die Festungskarten alleine nicht aus. Sie bildeten vielmehr die Grundlage für das eigentliche Anwenderprodukt, die Schiesskarten. Diese erstellte das in Thun beheimatete Schiesskartenbüro des Militärdepartements, 1935 ging die Aufgabe an die Landestopografie über. Für jedes Geschütz, jedes Geschoss und jede Sprengladung wurde eine separate Schiesskarte erstellt, die den Artilleristen die Detailinformationen zur Bedienung des Geschützes lieferte. Wie der Topograf Hugo Sturzenegger im Jahr 1950 betonte, waren die Schiesskarten «eines der wertvollsten Mittel zur Erhöhung der Schlagkraft einer Festung. Die ganze Ausrüstung kostet einige wenige Promille der Baukosten eines [Festungs-]Werkes.»
Bevor ein Blatt der Festungskarte druckreif war und zu einer Schiesskarten weiterverarbeitet werden konnte, waren aufwändige Vermessungskampagnen notwendig. Ab 1889 begannen die Feldarbeiten im Gotthardgebiet, 1892 begaben sich die ersten mit Messtisch und Kippregel gewappneten Topografen in den Raum Saint-Maurice. Für die nächsten zwei Jahrzehnte blieb es beim Fokus auf diesen beiden strategisch wichtigen Regionen. Ab den frühen 1910er Jahren wurde am Monte Ceneri ein drittes Festungsgebiet kartiert.
Das Zeitfenster, in dem Vermessungsarbeiten im Hochgebirge überhaupt möglich waren, war wegen Schneefall und Kälte sehr klein. Oft konnten die Topografen erst Ende Juni die Arbeit aufnehmen, bis der im Herbst einsetzende Schneefall den Anstrengungen ein frühes Ende setzte. In diesen Monaten übernachteten die Ingenieure und ihre Gehilfen in Alphütten oder Zelten, schliefen auf Strohsäcken und lebten laut dem Cheftopografen der Landestopografie Ernst Leupin generell «viel teurer und schlechter» als ihre Berufskollegen.
Grundlegende Veränderungen im entbehrungsreichen Arbeitsleben der Festungstopografen stellten sich erst ein, als während des Ersten Weltkriegs (1914–1918) eine neue Technologie zum Einsatz kam. Statt mit dem Messtisch durch die Alpen zu ziehen, setzten die Vermessungsequipen ab 1915 intensiv auf fotografische Methoden. Von einer Talseite aus fertigten sie Messbildpaare der gegenüberliegenden Felswände an; die Stereobilder erfassten das Gelände dreidimensional. Die kurze Feldsaison konnten die Topografen dank der fotografischen Methode effizienter nutzen, weil sie nun einen grossen Teil ihrer Auswertungsarbeit ins Büro verlagern konnten und nicht mehr direkt im Feld durchführen mussten.
Die Gefahrenlage des Ersten Weltkriegs und das neue fotografische Verfahren hatten zu einem markanten Wachstum der von Festungskarten erfassten Gebiete geführt. In den drei Festungsgebieten Gotthard, Saint-Maurice und Monte Ceneri war mit Nachdruck am geheimen Kartenwerk gearbeitet worden. Wie Hugo Sturzenegger rückblickend beklagte, trat nach dem Kriegsende aber «der berühmte, durch die finanziellen Folgen des Krieges und die allgemeine defaitistische Illusion des ‹ewigen Friedens› diktierte ‹Marschhalt› ein.» Die während des Kriegs erstellten Messbilder wurden in den 1920er Jahren zwar noch ausgewertet und in Festungskarten umgesetzt, zu einer weiteren Expansion des Kartenwerks kam es vorerst jedoch nicht mehr.
Erst der Zweite Weltkrieg löste einen zweiten, umfassenden Erweiterungsprozess der Festungskarten aus. Zu den bereits seit Jahrzehnten kartierten Festungsgebieten im Gotthard, bei Saint-Maurice und am Monte Ceneri kamen nun acht weitere hinzu. Sie lagen allesamt an der Landesgrenze und sollten die dortigen Grenzbefestigungen mit dem nötigen Raumwissen versorgen. Die immense Ausweitung der Flächendeckung der Festungskarten nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war nur dank Luftbildern und bereits vorhandenen Grundbuch-Übersichtsplänen möglich. Letztere wiesen ebenfalls grosse Massstäbe (1:5000 oder 1:10 000) auf und konnten zügig zu Festungskarten umgearbeitet werden.
Trotz der beeindruckenden Ausweitung der kartierten Gebiete kämpfte das Festungs- und Schiesskartenwesen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit grundlegenden Problemen. Im Ersten Weltkrieg nahm die Vielfalt an Geschosstypen merklich zu. Auch die Ladung, mit der ein Geschoss abgefeuert wurde, wurde immer variabler. Für jede Ladungsmenge und für jede Geschossart musste für jedes einzelne Geschütz eine separate Schiesskarte erstellt werden. So «wuchs die Zahl der nötigen Schiesskartenkonstruktionen lawinenartig an», wie Hugo Sturzenegger 1950 resümierte: Im Extremfall des Gotthardgebiets, wo besonders viele Festungsgeschütze installiert waren, musste ein Kommandant bis zu 70 Schiesskarten mit einem Gesamtgewicht von 25 kg auf sich tragen. Angesichts dieser Kartenflut «mussten einem berechtigte Zweifel an der Kriegsmässigkeit dieses Systems aufsteigen», so Sturzenegger.
Zwar entwickelte das Thuner Schiesskartenbüro in den frühen 1930er Jahren vereinfachte Schiesskarten, was zu einer Reduktion der Kartenlast führte. Eine weitere Herausforderung für die geheimen Militärkarten wog aber noch schwerer: Die Artilleriegeschütze in den Festungsgebieten wurden regelmässig modernisiert und gegen Neuentwicklungen mit grösserer Reichweite ausgetauscht. Analog zur steigenden Reichweite der Kanonen mussten die Festungskarten immer grössere Gebiete erfassen – es wurde zur Herkulesaufgabe, im grossen Massstab 1:10 000 mit der Geschützentwicklung Schritt zu halten. So beklagte der Direktor der Landestopografie Karl Schneider 1940, dass im Gotthardgebiet zwar drei neue Panzerturmwerke «schussbereit» seien, aber die Kartengrundlagen fehlten, «um diese leistungsfähigsten Gesch[ütze] der Gotthardbefestigungen ausnützen zu können.»
1952 endete die Schweizer Festungskartenproduktion, was nicht nur an den geschilderten Herausforderungen lag. Andere grossmassstäbige Kartengrundlagen wie der Grundbuch-Übersichtsplan hatten zu diesem Zeitpunkt immer grössere Teile des Landes erfasst und die neue Landeskarte der Schweiz eignete sich mit ihrer hohen Präzision ebenfalls dazu, «in jedem Gelände Feuer auf rechnerischer Basis auszulösen», wie Oberst Ludwig Sallenbach 1957 konstatierte.
Für artilleristische Anwendungen wurden die Festungskarten in den 1950er Jahren verzichtbar. Bis heute bleiben die grossmassstäbigen Karten aber eine wertvolle Informationsquelle zur Vergangenheit unserer Berggebiete. Gletscher- und Waldflächen, Bachläufe, Verbindungswege und zahlreiche weitere Raumdaten sind in den Festungskarten mit grösster Sorgfalt festgehalten und laden so zum Forschen und Entdecken ein.
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