Ab 1870 publizierte die Landestopografie mit den Blättern des Topografischen Atlas der Schweiz (Siegfriedkarte) die Originalaufnahmen der Topografischen Karte der Schweiz (Dufourkarte). Für die Publikation mussten die Originalaufnahmen überarbeitet werden. Technische Entwicklungen, ein neuer Fokus und eine sich wandelnde Landschaft in einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs machten diese sich bald wiederholenden Revisionen notwendig.
Die Landestopografie publizierte ab 1870 den 560 Blätter umfassenden Topographischen Atlas der Schweiz, auch bekannt als «Siegfriedkarte». Ziel war, die detaillierten Originalaufnahmen der bereits ab 1845 publizierten Topografischen Karte der Schweiz (Dufourkarte) der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Besonders der Schweizer Alpen-Club (SAC) hatte für eine Veröffentlichung der detaillierteren und mehrheitlich mit Höhenkurven ausgestatteten Originalaufnahmen der Dufourkarte lobbyiert. Doch die rasanten technischen, landschaftlichen und auch gesellschaftlichen Entwicklungen des 19. Jahrhunderts machten eine kontinuierlich umfangreiche Aktualisierung des Kartenmaterials notwendig. Heute veranschaulichen die Revisionen der Siegfriedkarte die Herstellungs- und Arbeitsprozesse der Kartografen und Topografen, die mit ihrer Arbeit den Wandel der Schweizer Landschaft festhielten und den stets gesteigerten Bedarf an präziseren Geodaten deckten.
Als die eidgenössischen Räte 1868 den Beschluss fassten, die Originalaufnahmen der Topographischen Karte der Schweiz der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, lancierte die Landestopografie die Überarbeitung sämtlicher Originalaufnahmen für die Publikation. Während die Gebirgsaufnahmen mehrheitlich nur revidiert wurden, entschied sich die Landestopografie für Neuaufnahmen von Mittelland und Jura. Der Massstab der Blätter orientierte sich am Massstab der Originalaufnahmen. Im Flachland entsprach dies einem Massstab von 1:25 000 und im Gebirge dem Massstab 1:50 000. Für den Überarbeitungsbeschluss der Originalaufnahmen sprach der neue Fokus, der, im Gegensatz zur Dufourkarte, auf der detaillierten Abbildung der Landschaft in einem grossen Massstab lag.
Der Publikationsmassstab der Dufourkarte hatte summarische Verfahren bei der Erstellung der Originalaufnahmen begünstigt. Die Dufour-Originalaufnahmen wurden in den grossen Massstäben 1:25 000 und 1:50 000 für ein mit Schraffen gestaltetes Werk in einem kleinen Massstab von 1:100 000 aufgenommen. Auf Anweisungen von Dufour nahmen die Topografen bewusst nicht alle Häuser auf und hielten sich bei Terrainformen an allgemeine Geländebegebenheiten, ohne jedes Detail zu erfassen. Das Verfahren lässt sich durch die folgende Anpassung oder Generalisierung auf den Massstab 1:100 000 und das Ersetzen der Höhenkurven durch Schraffen erklären. Für die Herstellung der Siegfried-Blätter war eine solche Reduktion nicht vorgesehen. In technischer Hinsicht löste die genauere Gradmessungstriangulation der 1880er Jahren die Triangulationsgrundlagen von Johannes Eschmann aus dem Jahr 1836 ab. Technische Entwicklungen verschärften und beschleunigten den Erneuerungs- und Revisionsbedarf.
Eduard Imhof, Professor für Kartografie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule, merkte 1927 an, dass die Siegfriedkarte in den 1880er Jahren bezüglich topografischer Formauffassung und kartografischer Wiedergabe den Zenit erreicht und einige der schönsten Kartenblätter hervorgebracht habe. Ausländische Karten ahmten die Felsdarstellung der Siegfriedkarte nach. Doch die gelungene Ästhetik kam bei den sich wiederholenden Revisionen zunehmend unter Druck. Imhof machte die rasanten technischen Entwicklungen in der Vermessung dafür verantwortlich. Zwischen den Blättern herrschten Differenzen bezüglich Höhenangaben und das kleine Blattformat führte bei einigen Ausgaben zu überladen wirkenden Karteninhalten. Die Notwendigkeit der Revisionen kann jedoch nicht auf technische Fortschritte reduziert werden. Wie folgendes Beispiel zeigt, erhöhten auch gesamtgesellschaftliche Entwicklungen und Veränderungen in der Landschaft den Drang nach Revisionen der Siegfriedkarte.
Die erste Publikation von Siegfried-Blatt 135 «Twann» erfolgte 1877. Die Aufnahmen der Revision für das Blatt wurden in einem ersten Schritt zwischen 1873 und 1874 von Hermann Lindemann durchgeführt. Lindemann konnte für die Arbeiten auf eine Originalaufnahme der Dufourkarte zurückgreifen. Der polnische Topograf Alexandre Casimir Napoléon Stryienski hatte in den Diensten der Landestopografie bereits 1842 den Bielersee kartografiert. Dies allerdings in einem Massstab von 1:50 000.
Lindemann ergänzte für die Erstausgabe von Blatt 135 das weitere Umfeld des Bielersees. Ebenso trug er die bei Stryienski erst sporadisch vorhandenen exakten Höhendaten ein. Die in der Revisionsunterlagen als Arbeitspapier vorhandene Höhenpause demonstrierte die Dichte an neuaufgenommen Höhekoten. Die Höhenangaben dieser Aufnahme erwiesen sich als sehr präzis und wurden für die spätere Zweitausgabe von Blatt 135 nur minim und sporadisch um einen Meter korrigiert. Hingegen übernahm Lindemann Stryienskis Felsdarstellungen entlang des nördlichen Seeufers, ergänzte diese aber durch ein Mehrfaches an Höhenlinien und Ortsbezeichnungen. Die auf Transparentpapier vorhandene Namenspause für das Erfassen von Ortsnamen beeindruckt dann durch die Menge neuaufgenommener Ortsnamen. Bezeichnend nahm Lindemann auf dem als Übertragungshilfe zum Kupferdruck dienenden Transparentpapier der ersten abgeschlossenen Revision auch die zahlreichen Pfahlbauten im Bielersee auf. Das Kartenblatt wurde für die Erstpublikation 1877 technisch stark verbessert und durch zahlreiche topografische Informationen ergänzt.
Die fortschreitende Industrialisierung und der damit zusammenhängende Wandel der Landschaft waren für Blatt 135 ein Hauptauslöser für die Revisionsperioden von 1894 und 1897 bis 1898. Der Landschaftswandel war so umfassend, dass für die zweite Publikation gar ein Neustich gefertigt werden musste. Im Rahmen der ersten Juragewässerkorrektion von 1868 bis 1891 entwarf der Bündner Kantonsingenieur Richard La Nicca nach Vorplanungen des polnischen Ingenieuroffiziers Jan Pawel Lelewel einen Plan, um das Seeland zu entwässern, vor Hochwasser zu schützen und für die Landwirtschaft produktiver zu machen. Die vom Bund durch einen Beitrag gesicherte Planung und Umsetzung sah eine Umleitung der Aare bei Aarberg durch den Hagneckkanal in den Bielersee und dessen Weiterleitung in den Nidau-Büren-Kanal vor. Dabei wurden der Zihlkanal und der Broyekanal zwischen den Seen begradigt und vertieft. Diese in der Schweiz zu den grössten Eingriffen in die Natur gehörenden Massnahmen des 19. Jahrhunderts veränderten die Landschaft der Region tiefgreifend. Das vormalige Sumpfland Grosse Moos wurde zum Anbaugebiet, und der Wasserpegel der drei Jurarandseen sank um gut 2.5 Meter.
Die 1891 abgeschlossene erste Juragewässerkorrektion bedeutete für die auf Blatt 135 abgebildete Landschaft eine neue Formgebung. Betroffen war nicht nur das Wasserufer, sondern auch die vormaligen Inseln des Bielersees. Die auch Chüngeliinsel genannte Kleine Insel und die St. Petersinsel wuchsen zusammen zu einer Halbinsel, die durch den neu geschaffenen Heide(n)weg mit Erlach verbunden wurde. Die ersten kartografischen Anpassungen erfolgten jedoch nicht auf der Siegfried-, sondern auf der Dufourkarte. Ein den Revisionsakten beigelegter Feldkarton mit eingetragenen Ortsnamen skizziert die neugeschaffene Form des Bielersees. Im Vergleich zu späteren Aufnahmen wurde am Südufer deutlich mehr Land eingezeichnet, während Nordufer und Umriss der neu geschaffenen Halbinsel späteren Vermessungen ähneln. Das Resultat dieser Arbeit floss in das 1887 veröffentlichte Blatt 7 «Porrentruy, Solothurn» der Dufourkarte. Möglicherweise stehen die Ungenauigkeiten entlang des Südufers in Zusammenhang mit den zum Zeitpunkt der Publikation von Blatt 7 noch nicht offiziell abgeschlossenen Arbeiten der Juragewässerkorrektion und enthielten somit projizierte Wasserstände.
Nach Abschluss der ersten Juragewässerkorrektion nahm Jules Grobet die Seeufer 1894 neu auf. Die auf Papier gezeichneten Korrekturen berechneten noch etwas zu viel Land am Südufer zwischen Mörigen und Gerolfingen, wurden aber von Samuel Suter, Leo von Allmen und Carl Weber gesamthaft für die zwischen 1897 und 1898 vorgenommenen Revisionen übernommen. Im als Übertragungshilfe zum Kupferstich benutzten Transparentpapier sind aber auch die Arbeiten von Gottfried Imobersteg erkennbar. Dieser hatte 1902 nach der zweiten Revision zusätzlich Nachträge und Korrekturen vorgenommen. Die Neupublikation von Blatt 135 erfolgte 1906 und hatte beachtliche 29 Jahre gedauert. In der Zwischenzeit hatte lediglich ein Dufourblatt die Veränderungen der Landschaft abgebildet. Doch die genaue Aufnahme zog sich wohl aufgrund der mit Unsicherheiten verbundenen Datenlage zum Wasserspiegel in die Länge. Die neue Form der Landschaft konnte so erst 1906 präzise veranschaulicht werden. In den Folgejahren wurden weitere Nachträge erfasst. So wurde ab 1913 auf den Namen «Douanne» für Twann und ab 1921 auf den Schriftzug «Lac de Bienne» verzichtet. Die Bahn bei Ligerz wurde 1913 und die Eisenbahn bei Täuffelen 1918 nachgetragen. Zahlreiche weitere Nachträge erfolgten in den Jahren 1921, 1944 und 1951.
Die Revisionen von Blatt 135 illustrieren, wie ein neuer Fokus auf Details in Kombination mit technischen Entwicklungen und einer sich wandelnden Landschaft den Druck auf Revisionen von kartografischen Unterlagen erhöhten. Der gesteigerte Bedarf an präziseren Geodaten ab den 1880er Jahren machte wiederholte Überarbeitungen und Ergänzungen der Siegfriedblätter unabdingbar. Die andauernden Revisionen, zu einer Zeit als das Kartenwerk in Hinsicht Ästhetik vielfach als Zenit der «Kartenkunst» beschrieben wurde, störten bald durch Überladung die gelobte Ästhetik der auf ein kleines Format begrenzten Kartenblättern und trugen zur Ablösung des Kartenwerkes durch die Landeskarte im 20. Jahrhundert bei. Heute geben die Revisionsblätter Einblicke in die Arbeitsschritte der Topografen und Kartografen bei der Aufnahme einer sich stets wandelnden Landschaft in einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs.
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